Ungarn

IV. Die strukturelle Zusammensetzung von Sammlungen

Gábor Ébli

Ungarische Privatsammler*innen werden international. Eine Fallstudie zum privaten Engagement für zeitgenössische Kunst in Ostmitteleuropa.


Wie bereits gezeigt wurde, sind zahlreiche Sammler*innen über die Moderne zur Gegenwartskunst gelangt. Entsprechend vereinen viele Sammlungen Werke der Gegenwartskunst mit Arbeiten aus unterschiedlichen Phasen des 20. Jahrhunderts. Während dies in der westlichen Welt aufgrund der hohen Marktpreise heute kaum mehr vorstellbar ist, konnten mehrere ungarische Sammler*innen in den vergangenen zwei Jahrzehnten umfangreiche Bestände ungarischer Kunst des gesamten 20. Jahrhunderts aufbauen. Das Übergewicht von Werken der Klassischen Moderne verleiht ihren Entscheidungen im Bereich der Gegenwartskunst zunächst häufig eine eher konservative Ausrichtung. Langfristig jedoch wirkt die gemeinsame Präsentation moderner und zeitgenössischer Kunst unter einem Dach zunehmend als Anstoß, auch experimentellere Positionen zu sammeln. Die Sammler*innen erkennen, dass das, was einst als “Avantgarde” galt, mittlerweile kanonisiert ist und dass auch die neuen Strömungen der Gegenwart vermutlich einen ähnlichen Prozess der Kanonisierung durchlaufen werden.

Hinsichtlich der Medien dominiert nach wie vor die Malerei. Andere traditionelle Gattungen wie Grafik und Skulptur sind deutlich weniger verbreitet, gewinnen jedoch zunehmend an Bedeutung. Fotografie, Neue Medien, Installationen, Objektkunst sowie andere ephemere, ortsspezifische und medienübergreifende Arbeiten sind bislang noch unterrepräsentiert, verbreiten sich jedoch ebenfalls zunehmend. In den vergangenen Jahren hat insbesondere die Spitzengruppe der Sammler*innen die Notwendigkeit erkannt, das Spektrum der gesammelten Medien zu erweitern. Dies lässt sich auf drei Faktoren zurückführen: Erstens auf die lange dominierende Stellung der Malerei, gegen deren Vorrang sich immer mehr Künstler*innen, Galerien und Sammler*innen wenden; zweitens auf die wachsende internationale Orientierung, die andere Gewichtungen mit sich bringt; und drittens auf den intensiveren Austausch zwischen Museen und Privatsammler*innen in Ungarn. Da das Verhältnis zwischen Kunsthistoriker*innen und privaten Käufer*innen traditionell von gegenseitigen Vorbehalten geprägt war, orientierten sich viele Sammler*innen lange Zeit an einem deutlich konservativeren Kanon als jenem der Museen. Seit jüngere Kurator*innen und Sammler*innen verstärkt den Dialog suchen und fachliche Fragen offen diskutieren, gewinnt die Vorbildfunktion der Museen zunehmend an Bedeutung. Viele Sammler*innen erkennen inzwischen, dass ihre Sammeltätigkeit bislang durch ein vergleichsweise enges ästhetisches Spektrum bestimmt war.

Dies gilt ebenso für die inhaltliche Aussage der erworbenen Werke. Auch wenn diese Kategorie heute etwas überholt erscheinen mag, erweist sie sich für den Zweck dieses vereinfachenden Überblicks als hilfreich, da sie die wachsende Bereitschaft ungarischer Sammler*innen verdeutlicht, sich mit den vielfältigen sozialen, ökologischen, politischen und weiteren Fragestellungen der Gegenwartskunst auseinanderzusetzen. Rein dekorative Kompositionen weichen zunehmend komplexen künstlerischen Ausdrucksformen, die Spannungen, Widersprüche und gesellschaftliche Teilhabe thematisieren. Zugleich nimmt der Einfluss der Galerien auf die Sammler*innen stetig zu. In der ersten Phase nach dem Fall des Eisernen Vorhangs agierten die Sammler*innen, aus naheliegenden Gründen, ausgesprochen individualistisch und häufig zurückhaltend. Zudem verfügten sie oftmals über größere finanzielle Mittel und konnten schneller handeln als die damals noch jungen Galerien. Viele Sammler*innen waren nicht bereit, den “Galeriepreis” zu bezahlen, und auch heute existieren noch Fälle, in denen Künstler*innen und Käufer*innen mit einem doppelten Preissystem verhandeln, Atelierpreise liegen dabei deutlich unter dem Preisniveau der Galerien. Dieses Modell verliert jedoch zunehmend an Bedeutung.

Zahlreiche Galerien haben inzwischen eine starke Marktposition erreicht. Die meisten einflussreichen Künstler*innen stehen heute in einer engeren oder lockereren, jedoch kontinuierlichen und bewusst gepflegten Beziehung zu Galerien, und viele Sammler*innen haben den Mehrwert erkannt, den eine professionelle Galerievertretung bietet. Jahr für Jahr wird ein wachsender Anteil der Transaktionen auf dem Kunstmarkt in Galerien oder über diese abgewickelt. Zwar hat die gegenwärtige Marktschwäche diese Entwicklung erheblich beeinträchtigt, doch ist kaum anzunehmen, dass die Bedeutung der Galerien langfristig wieder abnehmen wird.

Infolgedessen ist bei manchen Sammlungen bereits auf den ersten Blick der prägende Einfluss der jeweiligen Galerie erkennbar. In anderen Fällen behalten die Sammler*innen zwar stärker die Kontrolle über die Auswahl der Werke, akzeptieren zugleich jedoch die Logik des Marktes: Erwerbungen erfolgen zunehmend über Galerien. Dies motiviert immer mehr Künstler*innen, sich dauerhaft an Galerien zu binden, was wiederum einen wachsenden Kreis von Sammler*innen dazu veranlasst, regelmäßig Galerien und Kunsthandlungen aufzusuchen. Das Sammeln in Ungarn wird somit zunehmend institutionalisiert; der einst vergleichsweise spontane Erwerb von Kunstwerken orientiert sich immer stärker an den strukturellen Gegebenheiten des Kunstmarktes.

V. The Role of the Infrastructure of Contemporary Art

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