Ungarn

VI. Die Kommunikationsweisen privater Sammler*innen

Gábor Ébli

Ungarische Privatsammler*innen werden international. Eine Fallstudie zum privaten Engagement für zeitgenössische Kunst in Ostmitteleuropa.


Das private Sammeln findet in Ungarn große öffentliche Aufmerksamkeit. Die Bereitschaft von Sammler*innen, ihre Werke zu zeigen und über ihre Leidenschaft zu sprechen, ist beträchtlich und meiner Erfahrung nach größer als anderswo in der westlichen Welt. Zwar fürchten immer mehr Sammler*innen die “drei Übel” der Öffentlichkeit, das Finanzamt, Einbruch und öffentlichen Neid, dennoch wird regelmäßig von einigen spezialisierten Kunstautor*innen über das Sammeln von Kunst berichtet, während zugleich die Zahl der Ausstellungen privater Sammlungen zunimmt. Insbesondere Budapest bietet mit seinem überraschend dichten Netzwerk an Ausstellungsorten (insgesamt mindestens einhundert, von etablierten kommerziellen Galerien bis hin zu Off-Spaces für unangepasste Kunst) buchstäblich zu jeder Jahreszeit Einblicke in private Bestände. Mehrere Galerien (etwa die gemeinnützige Vízivárosi Galéria und die gewinnorientierte Godot Galéria) haben Ausstellungsreihen etabliert, in denen ein- oder zweimal jährlich eine private Sammlung präsentiert wird.

Sammler*innen sind sich bewusst, dass eine solche Ausstellung den Wert ihrer Werke steigern kann, und sie lernen zugleich viel daraus, ihre Auswahl im neutralen Raum einer Galerie zu sehen. Auch ihre Stellung gegenüber Galerien und Künstler*innen verbessert sich durch diese Ausstellungen, da sie selbst zu Akteur*innen der Öffentlichkeitsarbeit werden. Gleichzeitig zeigen größere öffentliche Institutionen mit wenigen Ausnahmen, etwa dem Kassák-Museum, nur selten private Sammlungen. Die Ungarische Nationalgalerie hat kürzlich mit einer sehr erfolgreichen Ausstellung der Irokéz Collection einen ersten Schritt gemacht, doch dies ist vielleicht eher eine Ausnahme von der Regel. Für das Ludwig Museum kommt die Präsentation einer privaten Sammlung überhaupt nicht infrage. Zwar ist der internationale Horizont der eigenen Sammlung dieses Museums unter den privaten Beständen des Landes ohnegleichen (mit der einzigen Ausnahme der Sammlung Somlói–Spengler, deren Initiatoren versuchen, zu internationalen Sammeltrends aufzuschließen.) 2008 ergriff die Kunsthalle eine zukunftsweisende Initiative: Sie veranstaltete eine große, wenn auch sehr kurze Ausstellung, bei der jeder ihrer weitläufigen Säle eine private Sammlung präsentierte (insgesamt elf), wobei die meisten nach dem Kriterium ausgewählt worden waren, nationale und internationale Werke miteinander zu verbinden und zugleich neue, experimentelle Ausdrucksformen zu bevorzugen.

Einige Sammler*innen haben begonnen, eigene Museen aufzubauen. In Tapolca ist Ákos Vörösváry seit nunmehr fast zwei Jahrzehnten für interessante Ausstellungen auf der Grundlage seiner umfangreichen Sammlung verantwortlich. In Veszprém ging László Vass eine Kooperation mit der Stadtverwaltung ein; eine langfristige Leihgabe bildete den Ausgangspunkt einer reibungslosen Zusammenarbeit, wobei die Präsentation der Werke regelmäßig wechselt. In Debrecen hat das von der Stadtverwaltung betriebene neue Ausstellungszentrum Modem einen Vertrag mit Péter Antal geschlossen, um regelmäßig Teile seiner Sammlung zu zeigen. In Töreki und Várgesztes bilden jeweils private Kolonien von Künstler*innen den Rahmen für eine kreative Zusammenarbeit mit Kunstschaffenden und den Aufbau einer Sammlung.

Vor fast einem Jahrzehnt war MEO in Budapest eine der vielversprechendsten Entwicklungen: Eine alte Fabrik auf spektakuläre Weise umgebaut, engagierte Kurator*innen realisierten progressive Ausstellungen, und eine im Aufbau befindliche private Sammlung schien hinter dem Projekt zu stehen. Doch geschäftliche, rechtliche und ethische Probleme führten letztlich zum Scheitern des Projekts. Eine weitere private Stiftung im Zentrum Budapests, Kogart, ist für publikumsfreundliche Ausstellungen und ihren Einfluss auf die Finanzelite bekannt; zugleich ist sie in ihrer zeitgenössischen Ausrichtung beeinträchtigt. Auch andere angeschlagene private Initiativen (z. B. APA und VAM) zeugen von ähnlichen Dilemmata. Bislang hat sich kein wirkliches privates Museum etabliert, das alle drei Kriterien erfüllt: 1) eine fortgeschrittene Sammlung, 2) eine kreative Lösung für Architektur und Innenraumgestaltung und 3) ein nachhaltiges Programm progressiver Ausstellungen. Dennoch gibt es unter den mehr als einhundert privaten Sammlungen zeitgenössischer Kunst in Ungarn mehrere, die weiterhin nach Möglichkeiten für eine dauerhafte und öffentlich zugängliche Präsentation suchen.

Sammler*innen lernen einander zunehmend kennen. Kürzlich hat eine Kommunikationsagentur eine Plattform für regelmäßige Treffen sowie eine Website zur Vernetzung eingerichtet. Einige Sammler*innen gehen noch weiter und finanzieren gemeinsam Kunstpreise und Auslandsbesuche oder laden umgekehrt internationale Kunstexpert*innen nach Ungarn ein. Der größte Teil dieser Aktivitäten konzentriert sich auf Budapest; nur sehr wenige Initiativen außerhalb der Hauptstadt sind in der Lage, mit dieser Entwicklung Schritt zu halten. Betrachtet man die beteiligten sozialen Schichten, fällt die Bilanz erfreulicher aus: Dank des ansonsten so kontroversen Medienrummels um das Sammeln beginnt das private Engagement für zeitgenössische Kunst sich auf gesunde Weise in immer breiteren gesellschaftlichen Gruppen zu verbreiten und ist längst nicht mehr nur eine Freizeitbeschäftigung der Elite.

Auch das Sammeln durch Unternehmen ist Teil dieser Entwicklung. Obwohl die unternehmerische Beteiligung an zeitgenössischer Kunst noch längst nicht das Ausmaß erreicht hat, das wir aus anderen Ländern kennen, haben auch ungarische Unternehmen begonnen, Ausstellungen zu fördern, Sammlungen aufzubauen, ihre Büros mit angemessenen Kunstwerken auszustatten, Kunstpreise zu finanzieren und durch andere Formen der Zusammenarbeit mit Kunstinstitutionen ihr Image aufzuwerten. Unter den Unternehmenssammlungen ist jene der Raiffeisen Bank die solideste, während bei den von Unternehmen finanzierten Preisen der Strabag Award mehr als ein Jahrzehnt lang die Szene dominierte; nun scheint der brandneue Aviva Prize diese Rolle zu übernehmen. Bei den meisten Unternehmensprojekten ist jedoch die Dominanz von Marketinginteressen nicht zu übersehen. Für die meisten Unternehmen, die hinter diesen Fördermaßnahmen stehen, besitzt Kunst keinen eigenständigen Wert; vielmehr sind diese Kampagnen in ihrer Botschaft oftmals manipulativ. Damit nicht der Eindruck entsteht, ich stünde diesen Instrumenten der Öffentlichkeitsarbeit grundsätzlich ablehnend gegenüber, sei jedoch hinzugefügt, dass sie durchaus dazu beitragen, zeitgenössische Kunst gesellschaftlichen Gruppen näherzubringen, die von Museen nur schwer erreicht werden.

Als weiteren Aspekt der kommunikativen Wirkung des Sammelns ist anzuführen, dass in jüngster Zeit einige Sammlerinnen in der Kunstszene in Erscheinung getreten sind und größere Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Es wäre jedoch übertrieben zu behaupten, dass die von ihnen getroffene Auswahl durch einen vermeintlich spezifisch weiblichen Geschmack geprägt sei. Vielmehr scheint es, dass Frauen generell einen Einfluss auf die Entscheidungen von Sammler*innen haben, der in einer von Männern dominierten Gesellschaft jedoch nicht sichtbar wird. Der einzige Bereich, in dem sich vielleicht eine deutlich weibliche Handschrift erkennen lässt, ist das Sammeln von Designobjekten, etwa zeitgenössischem Schmuck. Zugleich scheinen die verwandten Bereiche des Kuratierens und des Kunstmanagements zunehmend von Frauen geprägt zu werden: Immer mehr Projekte, Ausstellungen und Kampagnen werden von Frauen konzipiert, und in Studiengängen des Kunstmanagements stellen Studierende inzwischen die überwältigende Mehrheit.

VII. The The Impact of Diverse Groups of Collectors on the Art Scene

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